Die alte Heerstraße führt durch den wilden Kaukasus

 

Tiflis - Georgiens höchster Berg zeigt sich nicht jeden Tag. "Der Kasbek ist wie eine schöne Frau, die sich Fremden nur verschleiert zeigt", sagt der georgische Bergführer Gela. Nur bei klarem Wetter präsentiert der 5 033 Meter hohe Gipfel seine ganze schneebedeckte Schönheit. Doch wer vom Ferienort Kasbeghi aus zur Zminda - Sameba - Kirche aufsteigt, wird fast immer mit einer grandiosen Aussicht auf den Kasbek belohnt.

 

 

 

Alte Kapelle thront auf einer Bergnase

Zwei Stunden Marsch bringen den Wanderer auf 2 210 Meter Höhe, wo die Kapelle aus dem 13. Jahrhundert auf einer Bergnase thront. Wie die meisten Gotteshäuser in Georgien diente auch dieses zugleich als Wachturm und Festung. Weitläufige Matten ziehen sich den Hang hinauf bis in die Eisregionen des Kasbek - Gipfels. Tief unten im Tal bahnt sich der Terek, der Schicksals-Fluss der Völker im Nord-Kaukasus, seinen Weg nach Russland. In Gegenrichtung verläuft die historische Georgische Heerstraße. Sie kommt aus der russischen Stadt Wladikawkas und führt am Kasbek vorbei in die georgische Hauptstadt Tiflis.

Grenzland zwischen Orient und Okzident

Georgien ist seit alten Zeiten das Grenzland zwischen Orient und Okzident. Seine Kultur ist fremd und zugleich seltsam vertraut. Im 4. Jahrhundert entstanden hier und im benachbarten Armenien die ersten christlichen Königreiche. Später geriet das Land zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer unter die Herrschaft Moskaus. " Der schönste, farbigste und stärkste Brokat im Stickrahmen Russlands " sollte die Provinz nach dem Willen eines ihrer Gouverneure sein.

Ein attraktives Ziel für Kulturreisende und Wintersportler

Der Tourismus versucht einen Neuanfang. In den Städten Tiflis oder Kutaissi, in den Badeorten Batumi und Kobeleti am Schwarzen Meer und in den Bergregionen entstehen Privatpensionen. Ein attraktives Ziel ist Georgien für Kulturreisende: Zahllose Kirchen, Klöster, Festungen und Höhlenstädte spiegeln die wechselvolle Geschichte des Landes wider. Aber auch Sporttouristen kommen auf ihre Kosten. Wem die Alpen zu zivilisiert oder die Rocky Mountains zu weit weg sind, der kann im ungezähmten und menschenleeren Kaukasus wandern, reiten, bergsteigen oder Ski laufen - drei Flugstunden von Westeuropa entfernt.

Lermontow besang das Gebirge

Über die Georgische Heerstraße zogen früher russische Truppen von Wladikawkas nach Tiflis. Adelige, die der erstickenden Atmosphäre des Zarenreiches entkommen wollten und Abenteuer suchten, schlossen sich der Armee an und kämpften im Kaukasus. Der Dichter und Offizier Michail Lermontow besang seine Liebe zu dem majestätischen Gebirge: "O südliche Berge, man braucht nur einmal dort gewesen zu sein, um sich ewig an euch zu erinnern."

Konvois schwerer Lastwagen

Auch heute noch ist die Heerstraße die wichtigste und kürzeste Landverbindung zwischen Russland und Georgien. Die Fahrt ist abenteuerlich geblieben. Konvois schwerer Lastwagen quälen sich im Schritttempo über die enge Trasse. Erdrutsche und Unterspülung lassen den Asphalt abrutschen. In Tunneln rinnt das Wasser von der Decke. "Im Winter ist die Straße besser", sagen die Kraftfahrer. Dann deckt eine festgefahrene Schneedecke die Unebenheiten zu.

Mit Hubschraubern auf die Gipfel um den Kasbek

Im Winter laufen in Gudauri die Skilifts wieder. Die Saison dauert bis in den März. Als besondere Attraktion bietet der Ort Heliski an. Mit sowjetischen Hubschraubern werden die Skiläufer auf die Gipfel um den Kasbek geflogen und können durch unberührten Tiefschnee abfahren. Von Gudauri klettert die Georgische Heerstraße hinab in die tief eingeschnittene Schlucht des Flusses Aragwi und kommt zur Talsperre von Dschinwali. Dort steht Ananuri, eines der schönsten Beispiele georgischer Kirchenbaukunst aus dem 16. Jahrhundert. Die Hauptkirche, umgeben von Festungsmauern, spiegelt sich im klaren, blauen Wasser.

Uralte Kirchen mit Fresken und Ikonen

Von außen sind die georgischen Kirchen mit ihren flachen Kuppeln schlicht. Nur wenige Rundbögen schmücken die ansonsten glatten Wände aus rötlichem Sandstein. In Stein gehauene Lebensbäume und Blumen verraten den Einfluss der benachbarten Kulturen Persiens und Arabiens. Innen ist die Kirche von Ananuri weiß. Früher waren alle Gotteshäuser der uralten Kirche Georgiens mit Fresken und Ikonen geschmückt. Doch die russischen Kolonialherren, eigentlich orthodoxe Glaubensbrüder, ließen die Fresken im 19. Jahrhundert übertünchen, erzählt Miriam Tscholiaschwili, die Hüterin von Ananuri. 70 Jahre sowjetischer Herrschaft trugen weiter zum Zerfall bei.

"Tbili" bedeutet "warm"

Schließlich endet die Heerstraße in der Hauptstadt Tiflis, georgisch Tbilisi. 1,2 Millionen Einwohner hat die Metropole an den Steilufern des Flusses Kura. Den Namen haben heiße Schwefelquellen der Stadt gegeben, "tbili" bedeutet "warm". In diesen Quellen kann man heute noch baden. In der Altstadt finden sich unter kleinen runden Kuppeln die Bäder aus dem 8. Jahrhundert. "Erst im heißen Schwefelwasser baden, dann eine Massage, dann ausruhen und wieder ein Bad", beschreibt Bademeister Nisam die Prozedur.

Zaristische Poststation

Höchster Punkt der Georgischen Heerstraße ist der Kreuzpass (2 370 Meter). Hier am Hauptkamm des Kaukasus ziehen die Geographen die Grenze zwischen Europa und Asien. Unterhalb der Passhöhe liegt Gudauri, zu Zarenzeiten eine Poststation, wo die Pferde gewechselt wurden. Heute ist Gudauri der wichtigste Wintersportort Georgiens.

Wo der Enzian blüht

Der Kaukasus ist in dieser Region nicht sehr felsig. im Spätsommer prangt auf den Bergwiesen der Enzian. Auf der Höhe an einem verfallenen Wachturm hütet der 16jährige Georgi eine Schafherde. "Etwa 60 Stück sind es. Für eine so kleine Herde brauche ich keinen Hund", sagt er. Jetzt im Sommer haben sich die Raubtiere weit von den menschlichen Behausungen zurückgezogen. Nur im Frühjahr nach der Schneeschmelze wagen sie sich aus dem Wald. Die Bergbauern schuften hart auf den steilen Almen, die sich bis auf 3 000 Meter hinauf ziehen. "Und schon im November kommt immer der Schnee", sagt eine Bäuerin.

Georgischen Küche arbeitet viel mit frischen Kräutern

Typisch für alle Häuser der Altstadt sind die ausladenden, hölzernen Balkone. Sie spenden Schatten und Schutz vor der heißen Sonne. In der Altstadt mit ihren verwinkelten Gässchen findet sich auch der größte Markt der Stadt. Hier lassen sich die Geheimnisse der georgischen Küche erkunden, die viel mit frischen Kräutern arbeitet. Ira, schwarz gekleidet wie die meisten Frauen in Georgien, bietet Petersilie, Dill und Minze feil. "Fenchel ist besonders gut zum Käse", empfiehlt sie. Kräuter werden in Georgien häufig als Beilage gegessen wie im Westen Salat. Beliebtestes Gewürz ist Koriander, der an fast allen Fleischgerichten, in Suppen und Salaten zu finden ist.

Rustaweli - Prospekt - das Herz von Tiflis

Das Herz von Tiflis ist der Rustaweli - Prospekt, früher der schönste Bummelboulevard der Sowjetunion. Im Bürgerkrieg 1992 wurde das Herz der Stadt zu traurigen Ruinen zerschossen. Doch heute sind die Narben geheilt, die alten Gebäude erstrahlen im neuen Glanz - der Präsidentenpalast, die "Alte Schule", die Georgs - Kathedrale. Nur die Flüchtlinge aus der abtrünnigen Teilrepublik Abchasien, die seit Jahren im Hotel "Iwerija" einquartiert sind, erinnern weiter an die politischen Probleme Georgiens.

"Hier habe ich ein Bild von Pirosmani kopiert"

An Sommerabenden bummeln Gutgekleidete Paare auf dem Rustaweli - Prospekt. Die Straßencafes und Restaurants sind voll. Künstler bieten ihre Werke an. "Hier habe ich ein Bild von Pirosmani kopiert", sagt ein Maler. Niko Pirosmani war der große Naive in der georgischen Malerei. Doch dessen melancholische Dorfszenen aus dem letzten Jahrhundert sollte man nicht als Kopie auf der Straße, sondern im Original im Georgischen Kunstmuseum betrachten.

 

INFO
Georgien

REISEZIEL: Georgien auf der Südseite des Kaukasus-Gebirges ist seit alters her eine Schnittstelle zwischen Orient und Abendland. Die frühere Sowjetrepublik, unabhängig seit 1991, hat 5,2 Millionen Einwohner. Hauptstadt ist Tiflis. Die politische Lage in Georgien hat sich beruhigt. Spannungen gibt es noch in der autonomen Republik Süd-Ossetien. Die autonome Republik Abchasien mit der Hauptstadt Suchumi hat sich abgespalten und wird zur Zeit nicht von der georgischen Regierung kontrolliert.

KLIMA: Im Tiefland subtropisches Klima von April bis September. Im Kaukasus Hochgebirgsklima, Skisaison von Dezember bis April.

EINREISE: Gültiger Reisepass und georgisches Visum notwendig. Das Visum erteilt entweder die Botschaft Georgiens,

Heinrich-Mann-Straße 32
13156 Berlin

Tel.: +49(30) 48 49 07 0 (nach der Ansage „1“)
Fax: +49 (30) 48 49 07 20

E-Mail: info@botschaftvongeorgien.de

oder die Vertretung des georgischen Außenministeriums am Flughafen in Tiflis. Tiflis wird von Frankfurt, Berlin und Köln/Bonn angeflogen, außerdem von Wien oder Amsterdam.

PREISE: Die neue Währung Georgiens ist der Lari (ein Lari = 100 Tetri). Hotelpreise in Tiflis von 20 US-Dollar pro Nacht in kleinen Privatpensionen bis zu 300 US-Dollar im Luxus-Hotel. Essen pro Mahlzeit zwischen fünf und zehn Dollar.

TIP´S: Unbedingt georgischen Wein probieren, am besten in einer Tafelrunde mit den traditionell langen und originellen kaukasischen Trinksprüchen. Georgisches Fladenbrot Lawasch probieren, am besten ofenfrisch.